Enriched Media

Was bedeutet Enriched Media?

Der Begriff Enriched Media meint zum einen, reinen Fließtext um multimediale und interaktive Inhalte zu erweitern, zum anderen die Struktur eines Buches an sich zu verändern – mittels der Möglichkeiten, die das digitale Medium (egal ob PC, Smartphone, E-Reader oder Tablet) bietet.

In diesem Beitrag möchte ich Möglichkeiten (und Noch-Nicht-Möglichkeiten respektive Visionen) aufzeigen, die Herstellern zur Verfügung stehen, um ihre E-Books von einer „digitalen Print-Ausgabe“ zu einer neuen Leseerfahrung upzugraden.

 

1. Das Inhaltsverzeichnis (Image Map)

Ein Inhaltsverzeichnis erfüllt zum einen die Funktion, einzelne Textstellen schnell auffindbar zu machen, zum anderen bildet es in einer Übersicht die Struktur eines größeren Werkes ab. Klassischerweise wird das im Print-Buch mit einem linearen Text bzw. einer Tabelle gemacht.

Beim E-Book gibt es hier eine zweite Möglichkeit: eine verweissensitive Image Map (zu Deutsch: ein Bild, in das man hineinklicken kann und abhängig vom Bereich zu einer bestimmten Seite im Buch verlinkt wird).

Sinn macht diese Umsetzung z.B. bei vielen Fantasy-Titeln, deren Print-Ausgaben ja häufig schon mit einer Karte der Welt, in der der jeweilige Roman spielt, ausgestattet sind. Da in solchen Büchern oft eine „Heldenreise“ erzählt wird, kann man sich mithilfe der Image Map einen schnellen Überblick über die Handlung verschaffen und mit einem Klick direkt in das gewünschte Kapitel springen.
Außerdem lässt sich diese Karte mit Zusatzinformationen, die man sonst in einem Glossar o.ä. unterbringen würde, anreichern, was die Erfahrung einer konsistenten Welt, in der die Handlung spielt, besser abbildet als eine reine Text-Liste mit Begriffen.

landvermesser.tv zeigt, wie man Geschichte und Google Map miteinander verbinden kann.

Bei Belletristik-Titeln, die in der wirklichen Welt spielen, kann man das Ganze auch mit einem Kartendienst (z.B. Google Maps) verknüpfen, damit der Leser die Möglichkeit hat, direkt die Orte zu besuchen, an denen die Geschichte spielt. (Eine sehr gelungene Umsetzung dieser Idee sieht man auf www.landvermesser.tv.) Unterstützt das Lesegerät darüber hinaus Lokalisierung (mittels GPS), lassen sich sogar leserindividuelle Routen zum Ort der Handlung ermitteln.

2. Der Kapitelanfang

Ein Kapitelanfang dient dazu, dem Leser einen Überblick zu verschaffen, ihn zum Text hinzuführen. Neben der unter 1. eingeführten Idee von einer verweissensitiven Grafik als Inhaltsverzeichnis, die natürlich nicht nur beim Gesamtwerk, sondern auch beim Einzelkapitel Verwendung finden kann, möchte ich hier zwei weitere Möglichkeiten aufzeigen, wie man ein Kapitel einleiten kann.

Zum einen das vor allem in Vooks verwendete Prinzip des Einführungsvideos, zum anderen die z.B. im Konzept für das Magazin „Wired“ gezeigte Übergangsanimation.

Hier steht der Hersteller vor folgenden Entscheidungen:

Wozu dient das Video/die Animation?

  • zur Überleitung zwischen zwei Kapiteln
  • zur Einführung in die Handlung nach einem klaren Schnitt bzw. Kapitelende
  • zur Erzeugung einer bestimmten Stimmung beim Leser

und

Was zeige ich?

  • reine Hintergrundbilder, die den Ort des Geschehens vorstellen
  • einen Teil des Plots, an den der Text danach anschließt
  • einen Teil des Plots, unabhängig vom Text, der sich daran anschließt
  • einen Teil des Plots, den ich später im Text wiederhole
  • oder mache ich innerhalb der Videos einen Meta-Plot auf, z.B. der Erzähler sitzt am Lagerfeuer und erzählt eine Geschichte

Und eine dritte, nicht zu vernachlässigende Frage: Nehme ich dem Leser damit die Möglichkeit zum Kopf-Kino oder ermögliche ich ihm ein neuartiges Leserlebnis?

 

3. Musik & Sound

Wenn ich von Musik & Sound rede, meine ich nicht das Bundeling von Text und Hörbuch. Dass diese Möglichkeit besteht, ist, denke ich, offensichtlich. Gerade bei Devices wie dem iPod, die standardmäßig mit Kopfhörern ausgestattet sind, weil sie auch als MP3-Player verwendet werden, macht es Sinn, dem Leser/Hörer die Möglichkeit zu geben, fließend zwischen den beiden Rezeptionsformen zu wechseln.

Nein, wovon ich rede, ist die Verquickung von Text und Audio zu einerRezeptionsform, sodass der Audio-Kanal eine zusätzliche Erzählebene bildet, statt „nur“ den Text zu spiegeln.

Ein Beispiel aus der Praxis ist hier Anthony Zuikers E-Book-App „Level 26“. Dort wird auf das Tap zum Seitenumblättern ein dumpfer, hallender Ton gelegt, der mit jedem Umblättern eine bedrohliche, beklemmende Stimmung aufbaut. Je weiter man im Leseprozess fortschreitet, desto mehr erhöht sich die Spannung, die Lesegeschwindigkeit, durch die schneller abgespielten Töne entsteht wiederum eine Spannungskurve, etc. pp.

Würden hier verschiedene Geräusche verwendet, könnte man sich spannende Kompositionen überlegen, etwa bis hin zu einem vollkommen überraschenden Schrei, wenn der erste Zeuge am Tatort die Leiche bemerkt.

Wenn man es diffiziler gestalten möchte, kann man auch einzelne Textbereiche auszeichnen, bei deren Berührung abhängig vom Inhalt ein bestimmter Sound abgespielt wird, z.B. das Klingeln eines Telefons, das Ticken einer Uhr, Straßenverkehr oder das interaktive Abrufen eines Anrufbeantworters.

Gegen eine interaktive Geräuschkulisse erscheint eine permanente Untermalung des Textes mit einer stimmungsfördernden Hintergrundmusik respektive Geräuschen trivial, für viele Textsorten, gerade bei Reihentiteln, wäre sie jedoch vermutlich vollkommen ausreichend.

4. Sensorik

Spätestens mit „Alice for iPad“ ist sichtbar geworden, dass ein digital erfahrbarer Text nicht nur auf das Tip und Tap seiner Leser reagieren kann. Die Interaktion zwischen Text und Leser kann über alle Sensoren, die ein Lesegerät besitzen kann, vonstatten gehen. Ob sich die Animation bewegt, je nach dem, wie man sein Device dreht und wendet, zusätzliche Info-Texte angezeigt werden, wenn man sich beim Lesen eines historischen Romans am Ort des Geschehens oder in seiner Nähe befindet (GPS-Sensor) oder man über Mikro in die Rolle des Protagonisten schlüpft und mit einer anderen Figur kommuniziert – der Fantasie (und der Realität) sind hier kaum Grenzen gesetzt.

5. Personalisierbare Charaktere

„Create Your Own Superhero“ auf Marvel.com

Ein wichtiges Prinzip des so genannten Web 2.0 ist die „customization“, die individuelle Anpassung von Inhalten an die Bedürfnisse des Nutzers.

Wirft man das mit der Kulturtechnik „Profilerstellung“, die tagtäglich in den sozialen Netzwerken stattfindet, in einen Topf, ergibt sich eine interessante Frage: Was wäre, wenn man dem Leser Kontrolle über Aussehen, Verhalten und Identität seines Protagonisten geben würde?

Dazu müsste man zu Beginn des Buches einen Charaktergenerator (ein einfaches Beispiel dafür: Marvel: Create your Own Superhero) einbinden und anhand der dort generierten Information später im Text unterschiedliche Textbausteine anbieten, die von der Wahl des Lesers beeinflusst sind – sodass, wenn der Leser dem Protagonisten blaue Haare gegeben hat, er dann z.B. im Verlauf der Geschichte von einem anderen Charakter auf seine „abgefahrene, moderne Frisur“ angesprochen wird.

Ob ein solches Feature als „Spielerei“ oder als ernstzunehmende textgestalterische Möglichkeit zu beurteilen ist, das, denke ich, kann und muss man den Autoren respektive den Verlagen überlassen, gerade im Kinder- und Jugendbuch oder bei All-Agern halte ich es jedoch für eine spannende Sache, mit der man digitalen Mehrwert kreieren kann. Projekte wie MeeGenius zeigen, wie ein solches Konzept im ersten Schritt aussehen kann.

6. Infotexte

Infotexte und Register in Romanen trifft man überall da, wo der Autor in Welten vordringt, mit denen der Leser wenig vertraut ist, weil sie entweder in einer vergangenen Zeit spielen (historischer Roman) oder an Orten, die gänzlich der Fantasie des Autors entsprungen sind (Phantastische Literatur). Strukturell sind sie entweder zu Beginn des Buches oder an seinem Ende verortet. Inhaltlich enthalten sie im Printbuch, unabhängig vom Status des Leseprozesses, immer dieselbe Information. Diese Eigenschaften bergen zwei große Nachteile, die sich im elektronischen Buch wunderbar beseitigen lassen: Die Tatsache, das sie Fakten vorwegnehmen, die dem Leser erst später im Buch offenbar werden (sollen) und somit negativen Einfluss auf die Spannungskurve nehmen, lässt sich durch kontextsensitiven, dynamische Inhalt der Infotexte verhindern.

Dazu benötigt allerdings die Lesesoftware eine Möglichkeit, den Leseprozess mitzutracken, um festzustellen, welche Information eingeblendet werden soll. Zum anderen wird die Kontinuität des Leseflusses durch Vor- und Zurückblättern immer wieder unterbrochen und dadurch die Immersionswirkung verringert. Wenn man Infotexte einblendet, ohne einen Blättereffekt auszulösen, z.B. dadurch, dass eine zweite Text-Ebene über der ersten erscheint („Sprechblase“) oder sich vom Rand des Displays in die Mitte bewegt, wird der Lesefluss nicht unterbrochen. Noch immersiver wird das Ganze, wenn man es mit einer semantisch intelligent gestalteten Animation verbindet und so in den Lesefluss integriert.

7. Das Kapitelende

Last but not least: Die Bausteine im Text, deren Aufgaben Zusammenfassung, Rekapitulation und Überleitung zum nächsten Kapitel lauten.

Gedanken zur Gestaltung der Überleitungsfunktion habe ich ja schon unter Kapitelanfang ausgeführt.

Zusammenfassung und Rekapitulation: Hier wird’s interessant, besonders bei zwei Textsorten. Zum einen die, bei denen es um das Lösen eines Problems durch den Protagonisten geht (Detektivgeschichten, Krimis, z.B. „Liebe bis in den Tod (Cornelsen“), dessen Nachdenkprozess der Leser aktiv mitverfolgt, zum anderen die belletristischen Texte, die einen Anspruch haben, Wissen zu vermitteln (z.B. fremdsprachige Lektüren).

Gemein haben beide, dass am Ende jedes Kapitels Fragen an den Leser gestellt werden, die ihn dazu auffordern, den Text zu rekapitulieren und weiterzudenken (z.B.: Welcher der Verdächtigen hat kein Alibi?).

Wo im Printbuch komplizierte Verfahren (Lösungsregister, auf den Kopf gestellte Antworten, Zusatztools wie Lesefolien) angewendet werden müssen, um die Verbindung zwischen Frage und Lösung herzustellen, lässt sich das Ganze im E-Book zum einen relativ einfach umsetzen, zum anderen weitaus innovativer gestalten (z.B. Lösungen, die sich mittels einer Animation aus einzelnen Buchstaben zusammensetzen, oder ein animierter Umschlag, der sich öffnet und die Lösung preisgibt …)

Dieser Artikel erschien ursprünglich digital und gedruckt im Themenschwerpunkt „Buch der Zukunft“ des UPLOAD-Magazins:

http://upload-magazin.de/buch-zukunft/enriched-media-enhanced-e-book-303/

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