Erfolgsprinzipien interaktiver Literatur

Spätestens seit der Frankfurter Buchmesse 2010 sind Enhanced eBooks in aller Munde. Publikums- wie Fachverlage arbeiten derzeit fieberhaft am mit interaktiven Inhalten angereicherten “Buch von morgen”. In diesem Artikel will ich erläutern, worauf es bei der Konzeption von Enhanced eBooks zu achten gilt.

Beim Satz “Das Buch ist doch schon ein interaktives Medium, wozu braucht man dann “Enhanced eBooks”?” werden einige sicherlich stutzen. Wie interaktiv ist das Buch wirklich? Man denke an gemütliche Abende vor dem Kamin oder an die Gute-Nacht-Geschichten, die von den Eltern vorgelesen haben. In den ICE in München einsteigen und mit einem 300-Seiten-Roman einfach mal bis Frankfurt abschalten. Ist das gedruckte Buch wirklich interaktiv?

Ruft man sich Fach und Sachbücher in den Sinn, mit ihren Fragen, Tests, Übungen, Registern und Fußnoten, Fantasy-Romane mit ihren Glossaren und Karten, Jugendbücher und Krimis mit ihren kniffligen Fragen und Rätseln am Kapitelende oder denkt man wie wir mit Filzstiften Textabschnitte markieren, Notizen an den Rand kritzeln. Ist das Printbuch ein zu konsumierendes Medium wie Musik oder Film? Und sind damit Elemente wie eingebundene Videosequenzen in eBooks wirklich so radikal neu, dass sie den Leser überfordern? Oder fördert eine Ansprache auf allen Medienkanälen eine umfassendeImmersion beim Lesen?

Context is King – Die richtige Balance

Einfach zu beantworten sind diese Fragen nicht, und doch müssen sie jeden Tag bei jedem neuen eBook, das produziert wird ,beantwortet werden. Eine Richtlinie, wie viel und welche Interaktionsmöglichkeiten wo im Text eingebettet werden soll, bietet der Lese-Kontext des Buches.

Wo und wann wird unser Text gelesen? Mit welchem Grad an Aufmerksamkeit? Auf welchem Gerät? Welches Erlebnis, welchen Gewinn, welchen Service erwartet sich der Leser von seiner Lesezeit? Entspannung? Ablenkung? Unterhaltung? Gedankliche Beanspruchung? Information? Herausforderung zum eigenen Nachdenken? Was für Eigenschaften bringt eigentlich der Text mit? Ist der Content dramatisch, informativ, investigativ, phantastisch oder trivial?

So sind zum Beispiel in einem kurzweiligen Thriller, der eher on-the-Fly auf dem Smartphone gelesen wird, kurze Videosequenzen zwischen den Kapiteln als Anreicherung geeignet, während für den All-Age Fantasyroman eher eine atmosphärische Hintergrundmusik und eine sich mit dem Leseverlauf entwickelnde interaktive Karte angemessen ist.

Bei der Menge an multimedialem Inhalt, den man in seine eBooks integriert, muss man sich gerade in der Belletristik jedoch immer vor Augen halten: Ein interaktives Erzählen und ein Leseerlebnis nach dem „Prinzip Buch“ lebt von Leerräumen. Ein Zuviel an Inhalt und Detailliertheit (zu dem man z.B. neben Filmsequenzen auch seitenlange Landschafts-Beschreibung zählen muss) wird wahrscheinlich vom Leser mit dem Stichwort „Kopfkino-Killer“ abgelehnt. Jedoch kann auch ein höchst multimediales und interaktives Buch funktionieren, wenn es dem Leser auf inhaltlicher oder gestalterischer Ebene zu füllende Leerräume bietet, die ihm erlauben, seine eigenen Ideen und Vorstellungen auszubreiten.

Das Prinzip Buch – Kontinuität, Linearität, Orientierung und Abgeschlossenheit

Auf konzeptueller Ebene gibt es jedoch noch mehr Anforderungen an entsprechende Inhalte als ihr balancierter und zielführender Einsatz: Sie sollten sich logisch in den Text einbetten und so ein kontinuierliches, lineares Leseerlebnis ermöglichen. Sie sollten darüber hinaus dem Leser Möglichkeiten zur Orientierung bieten, um ein „Lost in Hyperspace“ zu vermeiden. Auch der sog. Serendipity-Effekt, das Immer-weiter-entlang-hangeln an immer neuer Information, gilt es zu Gunsten der Abgeschlossenheit des „Prinzip Buch“ zu vermeiden.

Vom Printbuch lernen – Wiederholung und Kontrast

Ein schon im Printbuch zur Herstellung von Kontinuität sehr erfolgreiches Gestaltungsprinzip ist dieWiederholung. Bietet z.B. ein Lyrik-Titel nur in einem Kapitel ein Umschalten auf eine Vorlese-Funktion, so wirkt das unter Umständen höchst irritierend auf den Leser.

Auch die Positionierung ist entscheidend. Da bei fast jeder Interaktivität im Kopf des Lesers ein Umschalten in der Rezeption geschieht ist es sinnvoll, die Elemente an Punkten zu positionieren an denen der Leser sowieso einen Bruch in seiner Rezeption erwartet: Zu Beginn eine Kapitels oder am Ende, am Ende einer textlichen Sinneinheit, eines längeren Absatzes oder beim Aktivieren des Blättern-Effekts (respektive Scroll-Effekts). Will man ein Element in einen fließenden Text einbetten, so sollte man auch hier den Bruch deutlich machen: mit einem größeren Abstand, anderer Schrift, einem (farbigen) Rahmen oder bei interaktiven Grafiken oder Videos einer Unterschrift.

Zweites wichtiges Layoutprinzip: Kontrast. Es muss auf den ersten Blick ersichtlich sein, welche Elemente interaktiv und damit aktivierbar sind und welche zur reinen visuellen Rezeption gedacht sind. Paradebeispiel ist hier der Hyperlink, der sich default-mäßig mit der Farbe Blau und unterstrichen stark vom schwarzen, unformatierten Text abhebt. Eine weitere Eigenschaft, die sich interaktive Elemente beim Hyperlink „abschauen“ können, ist, dass er seine visuelle Qualität ändert, je nach dem ob er schon aktiviert wurde. So könnten sich z.B. Illustrationen auf denen man Lichteffekte durch Antippen anschalten kann, diese Veränderung über das Kapitel hinaus speichern. Die Möglichkeit den Text nachhaltig zu verändern wäre eine in meinen Augen sinnvolle Übertragung aus dem Printbereich.

Aber auch die interaktiven Elemente unter sich sollten kontrastieren. So sollte eine Videosequenz eindeutig von einer Photographie unterscheidbar sein und diese Eigenschaft nicht erst durch eine gescheiterte Interaktion preisgeben. Gegebenenfalls ist hier eine „Gebrauchsanweisung“ in unauffälliger Gestaltung unter dem interaktiven Element sinnvoll.

Ein Buch ist kein Aktionfilm – Weiche Übergänge

Auf jeden Fall muss der Zugang zur Interaktivität intiutiv und an die Gewohnheiten des Lesers auf seinem Lesegerät angepasst sein. Sind bestimmte Gesten gewöhnlich für eine bestimmte Interaktion mit dem Content verwandt so sollte man diese Konventionen nicht brechen.

Eine weitere kontinuierliches, lineares Lesen zu fördern ist das vermeiden von „harten“ Übergängen. Soll ein interaktives Element neu in einem bereits angezeigten Abschnitt erscheinen, so bietet es sich an mit Effekten wie Toggle (langsames Aufrollen) und Fade (langsames Sichtbarwerden) zu arbeiten. Aber auch andere fließende Animation, z.B. das Hineingleiten von der Seite sind hier möglich. Hierbei gilt jedoch: So minimal wie möglich. Besonders Audio-Effekte sollten nicht abrupt und plötzlich einsetzen, gerade wenn sie nicht über einen Player und dazugehörigen Control-Elemente steuerbar sind, der Leser sie also bewusst aktiviert.

Seiten bieten Orientierung – Digitale Wegweiser

Da der Leser nicht wie beim Printbuch anhand des Seitenprofils sofort feststellen kann, wo er sich im Buch befindet, muss diese Orientierung anders hergestellt werden.  Zum einen geschieht das gerätspezifisch oder auf Software-Ebene z.B. durch Verlaufsbalken oder dynamische (nicht statische!) Seitenzahlen bzw. ein mit einem Klick einblendbares Inhaltsverzeichnis, zum anderen kann das im Content durch Binnenstrukturierung wie z.B. Kapitelnummern und Zwischenüberschriften geschehen. Bei eBooks mit vielen multimedialen Inhalten kann auch ein seperates Menü/Inhaltsverzeichnis das nur diese Inhalte referenziert sinnvoll sein. Bei einem nicht-linear strukturierten Text sollte eine interaktive Pfadangabe Titel/Kapitel/Unterkapitel/Themengebiet oder eine Image-Map mit eingetragenen Verbindungen zwischen den Textabschnitten sichtbar sein.

Allgemein gilt es jedoch harte Sprünge zu vermeiden (bei Fußnoten z.B. durch direkte Einblendung (Infotext)) bzw. sie explizit zu kennzeichen. Um keine Sackgassen und umständlichen Umwege für den Leser zu erzeugen sollte zu jedem Link auf jeden Fall ein entsprechender Backlink existieren.

Da alles in allem gerade bei Enhanced eBooks die Nutzererwartung sehr hoch ist, weil viele der momentan realisierten Features aus dem Web bereits bekannt sind und somit keinen Neuigkeitswert haben, empfiehlt es sich neben einer balancierten und einheitlichen Integration bekannter Möglichkeiten, durchaus über die bekannten Features hinauszudenken und zumindest zu prüfen, wie sich komplexere Funktionen (dynamischer Glossar, „Was bisher geschah“, Möglichkeiten zur Steuerung der Schwierigkeit eines Textes, Reaktion auf Lesegeschwindigkeit, …) realisieren lassen könnten.

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf lesen.net

Erfolgsprinzipien interaktiver Literatur

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